Was ist Aire Plus?

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Das Projekt AIRE Plus ("Adapting and Installing an international vocational training for Renewable Energy and energy management”) will Besichtigungen der wichtigsten technischen Anlagen und Projekte zum Thema "erneuerbare Energie und Energiemanagement" organisieren und die Anforderungen an das ausbildende Personal in den besuchten Regionen analysieren.

Erwartete Ergebnisse:

  • verbesserte Fachkenntnis des Ausbildungspersonals und der Entscheidungsträger;
  • Aktualisierung der Lehrpläne unter Berücksichtigung der im Projekt kennen gelernten Anforderungen an technisches Personal;
  • bessere Selbsteinschätzung des Lernniveaus in Deutschland;
  • Anwendung des EQF

Jedem Thema (Sonne, Wind, Wasser, Geothermie, Biomasse, Energie im Verkehrswesen, Intelligentes Energiemanagement, Energieeffizienz) wird ein Quartal gewidmet. In Berlin finden Vorbereitungskurse statt, die einerseits die organisatorischen Fragen der Studienfahrten klären und andererseits in technischer Hinsicht mit Unterstützung von Experten in Berlin auf die Studienfahrt vorbereiten. Nach der Studienfahrt wird eine öffentliche Informationsveranstaltung zu dem Thema veranstaltet, das die Ergebnisse aus der Studienfahrt für die Berufsbildung darstellt.

Der Weg führt unter anderem in folgende Regionen (Auswahl)

  • Solaranlagen in Teneriffa (ITER) (Spanien)
  • Gezeitenkraftwerk in St. Malo (Frankreich)
  • Flusswasserwerk in Plavinas (Lettland)
  • Offshore Windanlagen in Egmont aan Zee (Niederlande)
  • Biomassekraftwerk in Wien-Simmering (Östereich )
  • Geothermiekraftwerk nahe Reykjavik (Island)

Quelle: www.energie-fuer-bildung.de/ziele/euprojekte/aire.php

Es folgt der Reisebericht des Turin-Teams vom Frühjahr 2011.

AIRE Plus in Turin 27.3. - 2.4.2011 - ein Reisebericht

Montag 28.3.2011: Organische Photovoltaik

Die Berliner Gruppe wurde morgens von Tina Crisci und Corrado Borssetti mit dem stadteigenen Kleinbus am Hotel abgeholt. Unser erstes Ziel war Settimo Torinese, eine kleine Stadt einige Kilometer nördlich von Turin. Die dortige Gemeindeverwaltung ist sehr an erneuerbaren Energien interessiert.

In der neu erbauten Stadtbibliothek, die auch eine erstaunliche gut ausgestattete Kinderbibliothek beinhaltete, mit beeindruckender Architektur und sehr nutzerfreundlicher Ausstattung wurde uns ein Projekt zur organischen Photovoltaik vorgestellt.

Projektleiter Dr. Giuseppe Caputo vom Unternehmen Cyanine Technologies S.p.A., einer Ausgründung der Uni Turin, präsentierte das Konzept. Das Unternehmen entwickelt seit 2006 Solarzellen, die nicht auf Siliziumbasis aufgebaut sind, sondern mit organischen Farbstoffen arbeiten. Dieses System soll gegenüber dem Werkstoff Silizium viele Vorteile haben, u.a.:

  • Es seien keinerlei giftige oder gefährliche Stoffe enthalten.
  • Alle Materialien seien umweltneutral abbaubar.
  • Die Panels seien auch bei diffusem Licht funktionsfähig.
  • Die Panels müssten nicht nach der Sonne ausgerichtet sein.
  • Die Elemente seien durchsichtig, könnten somit auch zur Tönung von Fenstern eingesetzt werden.
  • Die Herstellung sei preiswerter als bei Silizium.
  • Die Ausnutzung des Sonnenlichtes sei erheblich effizienter.

Entwickelt wurde dieses neue Verfahren seit 1991 in einem europäischen Forschungsprojekt mit Namen "Dye Sensitized Solar Cell" (DSSC), sie werden nach ihrem Erfinder auch „Grätzel Cells“ genannt. Die so eingefärbten Gläser können ihren Einsatz in den Fenstern von Büros oder Hotels finden. Die Marktreife wird für 2013  erwartet.
Auch das deutsche Fraunhofer-Institut ist an dem Projekt beteiligt.

Im Herbst 2011 sollen die ersten Prototypen der organischen Photovoltaik in der von uns besuchten Bibliothek installiert werden.

Ende 2011 wird ein kommunales Altenheim eröffnet, dessen Energiebedarf weitgehend über Photovoltaik gedeckt werden soll.

Der Kosmetik-Konzern L'Oreal baut in der Nähe eine Fabrik, die emissionsfrei arbeitet und damit die erste ihrer Art in Italien sein wird.

Bis 2020 wird ein neuer Stadtteil für 8000 Menschen entstehen, dessen gesamter Energiebedarf mit dieser Form der erneuerbaren Energie gedeckt werden wird.

Die Stadt Settimo Torinese hat ein Herz für erneuerbare Energien!

Empfehlung: Studienbefähigende Lehrgänge bzw. Schüler/innen mit höherwertigen Abschlüssen.

Über Farbstoffsolarzellen / Grätzelzellen:

http://www.mpip-mainz.mpg.de/groups/laquai/Research/Organic%20Electronics/DSSC

http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%A4tzel-Zelle

 

Quelle: www.wiwo.de/technik-wissen/galerien/elektroautos-329/8/fiat.html
Lingotto - ehemalige Fiat-Teststrecke auf dem Fabrikdach

Dienstag, 29.3.2011 - Nachhaltige Mobilität

Besuch im Fiat Forschungszentrum "Centro Riserche Fiat" CRF. Fiat arbeitet an 600 verschiedenen europäischen Projekten mit und zählt weltweit ca. 1500 Kooperationspartner, mit denen ein regelmäßiger Austausch stattfindet. Dazu zählen auch die direkten Konkurrenten, darunter alle deutschen Automobilhersteller.

Etwa 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter forschen hier an zukunftsfähigen Antrieben, Sicherheitssystemen, neuen Materialien und natürlich am Elektro-Auto, vorgeführt an einem Fiat 500 in der Eingangshalle und der Studie "Phylla". Leider, leider war uns das Fotografieren strengstens untersagt. Die Firmenleitung befürchtet wohl Industriespionage.

Wir erhielten von einer Reihe kompetenter Wissenschaftler interessante Informationen und bekamen aus ihrem jeweiligen Fachgebiet Neuentwicklungen vorgestellt und erläutert:

  • Sicherheitssysteme: aktiv, passiv, präventiv
  • Neue Antriebe wie Hybrid,- umweltfreundliche Biogas-, Diesel-/ Benzinmotoren
  • das Elektrofahrzeug Phylla
  • ermüdungsfreies Sitzen
  • Naturfasern als Alternative zu synthetischen Materialien, sowie neue Kunststoffe
  • Energiesparende Beleuchtungssysteme
  • Formen der Energie-Rückgewinnung

Anlässlich der 150-Jahr-Feier zur Gründung Italiens richtete Fiat einen zusätzlichen Ausstellungsbereich ein, der die Forschungsschwerpunkte an Modellen demonstriert. Unsere Gesprächspartner erläuterten ihre Forschung also an anschaulichen Beispielen.Wir waren erst die zweite Besuchergruppe, die in den Genuss des neu eröffneten Pavillons kam.

Empfehlung: KfZ-Technik, technische Berufe, Naturwissenschaften

 

Mittwoch, 30.3.2011 - "Pollo Solare"

Zu Besuch bei Paolo Castoldi, dem Geschäftsführer von International Energy Knowledge (IEK) in Rivoli nahe Turin: Herr Castoldi hat eine ganz besondere Geschäftsidee entwickelt: Das Solarhuhn!

Das Unternehmen widmet sich zwei Geschäftsfeldern: Zum einen ersetzt es mit staatlicher Förderung asbesthaltige Dächer (Eternit) auf landwirtschaftlichen Gebäuden und bestückt diese mit Solarpanels. Zum anderen beschäftigt man sich mit industrieller Großanwendung . Da man aber für große Solaranlagen viel Fläche benötigt, reichen dazu Dachflächen nicht aus.

Und Flächen sind teuer.

Hier greift ein weiteres Geschäftsfeld: Die Verbindung einer Solaranlage mit landwirtschaftlicher Nutzung. Das Beispiel: Eine Nutzfläche wird komplett unter Solardächern, die auf Stelzen stehen, eingerichtet und wird jetzt als Hühnerfarm genutzt. Wir besichtigten ein Pilotprojekt im Bau. Der Landwirt stellt sein Land zur Verfügung. Die Solarfirma baut die Dächer, die gleichzeitig als Unterstände für Hühner benutzt werden. Ca. 20.000 qm wurden auf diese Weise für 1000 Hühner bebaut. 15% des Umsatzes sollen durch den Erlös der Hühnerzucht erwirtschaftet werden, der Rest durch die staatlich subventionierte Solarstromerzeugung. Vier Millionen Euro Investitionssumme sollen sich so nach sieben Jahren amortisiert haben. Der Clou: Die Hühner sind frei laufende Bio-Hühner, die viel Platz haben und daher ohne Antibiotika auskommen sollen. Das „Solar-Huhn“ wird also ein höchst nachhaltiger Genuss sein!

Im Sommer 2011 ist Einweihungsparty. Die Anwohner, Unterstützer und Freunde sind herzlich zum Hühnerbraten eingeladen.

Info: http://www.iek-se.eu/

Empfehlung: Landwirtschaftliche und technische Berufe

 

Mittwoch 30.3.2011 - Der Turin-Prozess

Am Nachmittag waren wir bei der European Training Foundation (ETF) in der Villa Gualino eingeladen. Die ETF ist eine Agentur der EU und hat die Aufgabe, die Berufsbildungspolitik in den Partnerländern außerhalb der EU zu fördern. Mit einem Jahresbudget von 20 Mio € arbeiten 120 Mitarbeiter für insgesamt 30 Partnerländer, darunter Aufnahmekandidaten wie die Türkei oder zentralasiatische Länder wie Kasachstan, aber auch nordafrikanische Staaten wie Libyen. Dabei ist die Zusammenarbeit mit autoritären Regimen nicht immer einfach.

Darauf weist uns unsere Referentin Frau Dagmar Ouzoun hin. Sie ist Deutsche und war als Lehrerin an niedersächsischen Berufschulzentren tätig,  bevor sie über Brüssel nach Turin gelangte. Sie erläutert den für uns neuen „Turin-Prozess“. Hier werden länderübergreifende Projekte aufgelegt, die sich immer an einzelne der 30 Partnerländer richten. Es handelt sich also im Kern um EU-Außenpolitik.

Abschließend genießen wir die herrliche Aussicht vom Dach der am Hang liegenden Villa Gualino auf Turin und die in der Ferne aufragenden Alpen.

Info: www.etf.europa.eu

Empfehlung: Alle an beruflicher Bildung und an Aufgaben der EU Interessierte.

 

Kreislaufwirtschaft in Intensivhaltung
Viele Kühe unter Solardächern ...
striegeln sich selbst und ...
melken sich selbst und ...
produzieren Grundstoff für ...
Elektrizität und Wärme.

Donnerstag 31.3.2011 - Milch, Fleisch, Energie

Eine Kreislaufwirtschaft besonderer Art ist die "Cooperativa Agricola Speranza" bei Vinovo südlich von Turin. 800 Rinder (Kühe und Kälber) liefern Milch und Fleisch. Sie produzieren allerdings auch Gülle und Mist in großen Mengen. In der Nähe wurde mit einer Investitionssumme von 4 Mio € eine Biogas-Anlage errichtet. Sie liefert nahezu 1000 Megawatt Strom und versorgt mit der Abwärme ein 2 km entfernt gelegenes Krankenhaus mit Fernwärme.

Die Biomasse wird zu 60% aus dem Kuhmist gespeist, zu 15% aus Rückständen der Maisverarbeitung und zu 10% aus nicht vermarktungsfähiger Obsternte. Hinzu kommen noch eigens für diesen Zweck angebaute stärkehaltige Gräser (Sorghumhirse).

Das Projekt wurde im Rahmen des Consorcio per le energie innovabili Piemonte (CERP) aufgelegt. 28 Cent zahlt der staatliche Energiekonzern für die Einspeisung einer Kilowattstunde.

Der Landwirt, der als Initiator der Anlage gilt,  ist der Meinung, dass der gesamte Biomüll der Region Piemont in vier solcher Anlagen verarbeitet werden könnte. Das Geschäft scheint sich zu lohnen: Bei unserem Besuch war die zweite Anlage bereits im Bau. Man rechnet mit einer Amortisationszeit von fünf Jahren. Für dieses Projekt wurde der Kooperative der "Best-Practice-Preis" der Umweltorganisation Bio-Energy Italy verliehen.

Natürlich haben die Kuhställe des nahegelegenen Bauernhofs Solarpanels auf den Dächern. Damit wird weitestgehend der Strombedarf des Hofes gedeckt. Der Melkroboter arbeitet rund um die Uhr, d.h. die Milchkühe gehen selbstständig zur Milchabgabe. Sie werden durch einen Geschmacksverstärker, der auch in der Lebensmittelindustrie verwendet wird (u.a. für die Brötchen bei McDonalds), angelockt und lassen sich so problemlos vollautomatisch melken.

Info: www.cerp.to.it; www.gruppoab.it

Empfehlung:  Landwirtschaftliche Berufe und Absolventen mit hervorragenten naturwissenschaftlichen Kenntnissen.

Wir genießen italienische Gastfreundschaft im

Ristorante Stazione
Piazza Paracleto 2
Piobesi Torinese
(Sonntagabend und Montag geschlossen)

in vollen Zügen.

Alles wird groß geschrieben,
auch die Gastfreundschaft
im Ristorante Stazione.

Donnerstag, 31.3.2011 - Ausbildung für erneuerbare Energien

Am Nachmittag besuchten wir das Consorzio Sviluppo Electronico Automazione (CSEA), eine private Berufsbildungseinrichtung in Orbassano. Die Schule finanziert sich überwiegend aus Mitteln des europäischen Sozialfonds (ESF) und den Kursgebühren der Teilnehmer, die die Region Piemont bezahlt. Die Kursteilnehmer sind überwiegend Arbeitslose oder Kurzarbeiter, die weiterqualifiziert werden sollen.

Neben technischem Wissen werden auch allgemeine und kaufmännische Inhalte vermittelt. In der Werkstatt lernen die Kursteilnehmer die Funktionsweise einer Solaranlage am praktischen Objekt kennen und sollen in die Lage versetzt werden, solche Anlagen aufzubauen und zu warten.

Der Schulleiter Herr Marco Comazzi berichtete, dass Italien im Jahre 2012 für 22 Berufe einen nationalen Qualifikationsrahmen einführen werde. Die Kurse an der Schule werden den Stufen 2 - 5 des EQF entsprechen. Die Schule ist an einer Zusammenarbeit mit dem AIRE-Projekt äußerst interessiert und bietet u.a. einen Austausch von Praktikanten an.

Kontakt: comazzi(at)csea.it - www.csea.it

Empfehlung: Lehrkräfte

Freitag, 1.4.2011 - Environment Park in Turin

Ausklang einer ereignisreichen Woche: Wir besuchten den "Science and Technology Park for The Environment". Das Innovationszentrum liegt auf einem ehemaligen Gelände der Turiner Schwerindustrie und hat eine Größe von 400.000 qm. Stahlkonstruktionen der alten Fabrikhallen wurden teilweise in die moderne Architektur integriert, die sich ansonsten überwiegend nachwachsender Rohstoffe bedient und viel Holz verbaut hat.

Erkenntnisse moderner Baubiologie wurden berücksichtigt und tragen dem Schwerpunkt "Grünes Bauen" Rechnung, dem sich der Environment-Park verschrieben hat. Fast alle Dachflächen sind begrünt und zum großen Teil begehbar. Der Park gilt daher als "neue grüne Lunge" der Stadt.

Weitere Beispiele, die uns beeindruckten:

Das Tageslicht wird in darunter liegende Räume über ein konvexes Spiegelsystem gelenkt und erleuchtet. Dort werden ganz ohne Lampen dunkle Flure und Räume hell beleuchtet.

Regenwasser wird gesammelt und als Brauchwasser genutzt.

Der Environment-Park verfügt über ein eigenes Wasser-Kraftwerk. Das Wasser wird über ein altes Tunnelsystem, das völlig neu ausgebaut wurde, mit einem Gefälle von ca. fünf Metern zur Energiegewinnung genutzt. Die jährliche Energieproduktion beträgt 3,8 Gigawatt und deckt mit ca. 80 % den größten Teil der benötigten Energie.
Natürlich fehlt auch das Solardach nicht, das weitere Energie für den Gebäudekomplex liefert.

Neben dem Grünen Bauen sind saubere H2-Energie (Wasserstoff), die Entwicklung nachhaltiger Mobilität und die öko-effiziente Nanotechnologie Entwicklungsschwerpunkte.

Bei einem der 60 Unternehmen im Environment-Park sehen wir Forschungsarbeiten, die sich  auf Hydrogentechnik stützen. Der Manager von HySyLab, Herr Allesandro Graizzaro, widmet sich auch der Schulung von Technikernachwuchs. Dazu hat er eine neue Website entwickelt und bittet unsere Gewerbestudienräte um Rat und Kritik.

Hier die neue Schulungs-Website: www.h2employment.eu

Info zum Environment-Park: www.envipark.com

Empfehlung: Berufe aus den Bereichen Naturwissenschaften, Technik, Elektrotechnik, Bautechnik

 

Das AIRE-Plus-Team in Turin

Das AIRE-Plus -Team für Turin bestand aus:

Borjana Hristova, Peter Bagatsch, Heye Kops, Roger Kutschki, Karl-Heinz Wolf

Unser Dank geht an die Organisatoren in Turin, Frau Concetta (Tina) Crisci und Herrn Corrado Borssetti, die uns kenntnisreich führten und begleiteten, ferner auch an die Berliner Organisatorin Frau Dorlies Radike-Thiel, die das Projekt aus der Taufe gehoben hat.

Die Piazza Castello
Schlemmen im Eataly
Das AIRE-Team
Tina und Corrado mit Busfahrer