Zeitzeugengespräch zum 8. Mai 1945 am OSZ Lotis

 

Am 7. Mai 2013 waren Herrn Boris Antonowitsch Popow und seine Frau Sojy Maichailowa Popowa nach 2011 zum zweiten Mal zu Besuch am OSZ Lotis. Gemeinsam mit Herrn Tichauer, der als Dolmetscher diesen Besuch begleitete, wurden sie durch unsere Schulleiterin Vera Jaspers an der Schule begrüßt.

Vor ca. 40 Schülern und Schülerinnen der Berufsvorbereitung berichtete Herr Popow über sein Überleben in deutschen Kriegsgefangenenlagern zwischen 1941 und 1945 und beantwortete viele Fragen. Frau Popowa ergänzte diesen Lebensbericht mit ihren Erfahrungen aus dieser Zeit.

Die Zeitzeugen-Veranstaltung kam durch die bereits langjährige Kooperation des FB Sozialkunde-Politik-Geschichte am OSZ Lotis mit der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde zustande, die jährlich zum 8. Mai Besuche von Überlebenden organisiert. Wir bedanken uns für diese Unterstützung.

Stationen aus dem Leben von Herrn Popow und Frau Popowa

  • Am 22. Juni 1941 griff Nazi-Deutschland die Sowjetunion an.
  • Bereits in den ersten Kriegsmonaten kam Herr Popow in deutsche Kriegsgefangenschaft.
  • Zunächst wurde er in einem offenen Straflager bei Minsk auf einer Wiese, mit Stacheldraht umzäunt, ohne jede Unterkunft oder Sanitäranlagen gefangen gehalten. In diesen Schreckenslagern starben über 800.000  Menschen.

Herr Popows Botschaft an unsere Schüler und Schülerinnen:

 Ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung der ehemaligen Sowjetunion kam während des Zweiten Weltkriegs ums Leben. Ich bin Russe – mein Volk braucht Frieden. Trotz all der schwierigen und schrecklichen Erlebnisse habe ich keinen Hass auf Deutsche. Ich unterscheide zwischen Deutschen und Nazis.

  • Frau Popowa stammt aus Leningrad. Sie wurde während des Kriges evakuiert und verbrachte die Kriegsjahren im Altei (Sibirien).
  • Später kam Herr Popow in ein Arbeitslager an der Elbe in dem vorrangig Briten und Amerikaner untergebracht waren. Hier waren die Haftbedingungen deutlich besser als in den Lagern ausschließlich für Russen, Ukrainer und anderen Völker der Sowjetunion.
  • Er wurde als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt. Das gab ihm die Möglichkeit die sehr knappen Nahrungsmittelportionen etwas zu „ergänzen“.
  • Die ganzen Jahre seiner Haft über hatte er keinerlei Kontakt zu seiner Familie oder zu Freunden.

Frau Popowas Botschaft an unsere Schüler und Schülerinnen:

Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen – aber jetzt ist eine andere Zeit. Ich bin zum zweitenmal in Deutschland und habe viele Freunde gewonnen. Ich lade Euch alle zu einem Besuch in Minks (Belarus) ein! Ihr müsst mit unseren Jugendlichen sprechen, dann gibt es keinen Krieg mehr .

  • Am 23. April 1945 wurde das Lager an der Elbe (bei Trogau) von sowjetischen Truppen befreit.
  • Später studierte Herr Popow und wurde Kino-Ingenieur.
  • Während des Studiums lernten sich Herr Popow und seine spätere Frau Popowa kennen.
  • Herr Popow arbeitete in Minsk (Belarus) als Kino-Ingenieur. Frau Popowa als Hochschullehrerin. Sie bekamen zwei Söhne und drei Enkelkinder.

Historische Notizen I

  • „So war das größte Verbrechen der Wehrmacht der Massenmrord an den sowjetischen Kriegesgefangenen.“
  • „Von den rund 5,3 bis 5,7 Millionen Rotarmisten in deutschem Gewahrsam sind 2,5 bis 3,3 Millionen umgekommen – das sind 45 bis 57 Prozent.
  • Sie starben in Lagern, für die die Wehrmacht verantwortlich war:
  • 845 000 noch im Militärverwaltungsgebiet in der Nähe der Front,
  • 1,2 Millionen in Lagern der weiter hinten liegenden Zivilverwaltungsgebiete,
  • 500 000 im sogenannten Generalgouvernement und
  • 360 000 bis 400 000 in Lagern im Deutschen Reich.“

(aus: Sönke Neitzel und Harald Welzer: Der Krieg gegen die Sowjetunion und die Verbrechen an Kriegsgefangenen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2011, S. 116)

Historische Notizen II

  • „Die Ursache für die exorbitanten Opferzahlen war einerseits das Kalkül der Heeresleitung, die Gefangenen ihrem Schicksal zu überlassen und keine Vorsorge für deren Ernährung zu treffen.
  • Andererseits wurde den eignen Soldaten bei jeder Gelegenheit vermittelt,
  • dass sie ‚gegen eine feindliche Rasse und einen Kulturträger minderer Art’ zu kämpfen hatten, und
  • man bemühte sich, ein ‚gesundes Gefühl des Hasses’ bei den eignen Soldaten hervorzurufen,
  • damit diese im Kampf ‚keine Gefühlsduselei und Gnade’ zeigten.“

(aus: Sönke Neitzel und Harald Welzer: Der Krieg gegen die Sowjetunion und die Verbrechen an Kriegsgefangenen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2011, S. 116-117)