Deltion College

Von: Die Admins
, 06.05.2015 um 14:15 Kategorie: Nachricht

Auf nach Europa!

Besuch am Deltion College in Zwolle (Niederlande) vom 21. bis 24. April 2015

Auf der Generalversammlung des Logistiknetzwerks NETINVET, die bei uns am OSZ Ende März stattfand, wurden wir, Heike Küsel und Vera Jaspers, eingeladen das Deltion College zu besuchen, eins der großen regionalen Ausbildungszentren (ROC) in den Niederlanden. Zusammen mit 26 anderen Lehrkräften und Schulleitungsmitgliedern aus Berliner OSZs fuhren wir für drei Tage Ende April dorthin.

Wir waren von der Größe des Schulgebäudes und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten beeindruckt:

Vor fünf Jahren wurden in einem imposanten Neubau zwei Schulen zusammengeführt. Es entstand ein riesiger Gebäudekomplex, die einzelnen verschiedenfarbigen Häuser wurden durch glasüberdachte mehrgeschossige Flure verbunden, durch viel Glas und eine großzügige Bauweise wirkt alles sehr transparent. Obgleich jetzt 18.000 Schüler von über 1000 Lehrerinnen in diesem College ausgebildet werden kam nie das Gefühl von Anonymität  auf, - was sicherlich an überschaubaren „Unter“-Einheiten liegt: Der Tourismusbereich hat z.B. ziemlich genau so viele Schüler*innen wie wir am OSZ Lotis, die Lehrer*innen, die dort unterrichten, haben ein sehr überschaubares Lehrerzimmer.

Es macht Freude, sich in dem Gebäude aufzuhalten, es gibt viele sehr ansprechende Aufenthaltsbereiche und von der Schule betriebene Restaurants bzw. Bistros. Auf den Gängen gibt es Tee- bzw. Kaffeeküchen, an denen sich Lehrer*innen per Karte ein wohlschmeckenden Kaffee und anderes ziehen können. Die Atmosphäre in der Schule und auch in den Lehrerzimmern erlebten wir als ziemlich entspannt, alle waren sehr entgegenkommend und hilfsbereit, die Schüler*innen sehr ruhig und freundlich (allerdings war der Migrantenanteil aus unserer Sicht nicht sehr hoch). Erstaunlich: Einmal in der Woche müssen sich alle Schüler*innen schick machen und in Kostüm oder Anzug erscheinen, sonst werden sie nicht in die Schule gelassen. Bei Präsentationen gilt das ebenso, dann müssen sich die jungen Frauen auch ihre (meist) langen Haare hochstecken…

Die Ausbildungen sind zum großen Teil vollzeitschulisch mit halbjährigen Praktika, aber auch duale Ausbildung wird angeboten. Je nach Vorbildung und angestrebten Abschluss - das Niveau der Ausbildung differiert von Level zwei des EQR (europäischer Qualifikationsrahmen) bis Level vier, -dauert die Ausbildung ein bis vier Jahre. Ausgebildet wird in den Bereichen: Pflege & Fürsorge, Hotel und Gastgewerbe, Wirtschaft & Handel, Sport & Sicherheitsdienste, Gewerbe- & Wohnungsbau, Engineering & IKT, Gestaltung sowie Verkehr & Transport. Es wird sehr großen Wert auf internationale Ausrichtung gelegt, daher sind etliche Bildungsgänge bilingual, die über den „normalen“ Abschluss hinaus ein internationales BTEC Diplom (englisch) vermitteln: Kunst & Design, Luftverkehrsdienste, Betriebswirtschaft, Gastgewerbe, Informations- und Kommunikationstechnologie und Touristik. Es verbringen jährlich 10% aller Lehr*innen eine Woche im Ausland, alle Auszubildenden absolvieren ihre Praktika mindestens zum Teil „abroad“.

Im Transport und Logistikbereich überwiegt, wie bei uns auch, die Zahl der männlichen Auszubildenden. Es werden fünf unterschiedliche Berufsabschlüsse für den Bereich Lager angeboten, die sich an verschiedenen Leveln orientieren. Unterrichtet wird in Klassenräumen, aber auch in einem Modellager. Für praktische Übungen stehen die benötigten Geräte und Materialien bereit. Ein Warenwirtschaftssystem und Scanner werden von den Schülern genutzt. Die Waren sind sowohl mit Scan – Codes, Nummern als auch einem QR- Code beschriftet, letzterer kann und wird von den Schülern mit eigenen Smartphones eingelesen und verarbeitet werden. Für angehende Kraftfahrer stehen Simulatoren bereit, auf denen ein Teil des Fahrunterrichtes absolviert werden kann. Dieser Unterricht  wird bei der Fahrprüfung angerechnet.

Das ganze Gebäude ist mit W-LAN ausgestattet, jede/r Schüler*in hat einen eigenen Laptop dabei und kann sich jederzeit und überall (also nicht nur im Unterricht) ins Internet einloggen. Dementsprechend ist der Unterricht stark auf die Arbeit mit dem Computer ausgerichtet, eigenständiges Lernen hat einen hohen Stellenwert. Wir hatten den Eindruck, dass die Schüler*innen einen größeren Druck durch das eigenverantwortliche Arbeiten hatten, die Lehrer*innen eher weniger. Allerdings finanziert sich die Schule durch einen Betrag pro Schüler jährlich (ca. 3500 €), der vom Staat kommt, zusätzlich gibt es ungefähr ähnlich viel, wenn die/der Schüler/in ihren/seinen Abschluss gemacht hat. Es wird also viel dafür getan, um jede/n einzelnen Schüler/in durch die Prüfung zu bekommen. Eine Abteilung „Education“– ähnlich unserer Sozialarbeit- unterstützt dabei.

Die Personalplanung der ganzen Schule wird durch ein große eigenständige Abteilung „Human Ressources“ gemacht, die den Vorstand und die einzelnen Abteilungen durch ein sehr durchdachtes Personal- und Qualitätsmanagement unterstützt und auch auf Nachfrage bei der Lösung von Problemen hilft wie z.B.: die Absolventenzahlen einer Abteilung sind eingebrochen, es knirscht in einem Team, eine Führungskraft möchte ein Coaching oder Supervision usw. usf. Motto: Weg von Kontrolle hin zu Vertrauen, gemeinsame Feste und Aktivitäten eingeschlossen.

Auch wenn sicherlich einiges kritisch gesehen werden muss, war unser überwiegender Eindruck sehr positiv. Wenn man sich die Frage stellt, wo soll Schule sich hin entwickeln, kann man sich dort sehr viel Anregungen, ja Visionen holen. Wir wollen eine Kooperation mit diesem College vor allem im Bereich Tourismus und Logistik entwickeln, wer Lust hat mitzumachen und  irgendwann auch mal diese Schule zu besuchen, sollte es uns sagen. Auch wir halten es für absolut förderlich in vielerlei Hinsicht, sich in Europa umzugucken.

Text: Vera Jaspers, Heike Küsel, Fotos: Heike Küsel