Besuch in der Handelsskole Køge, Dänemark

Dänemarks berufliche Schulen werden gelobt. Dänemarks berufliche Schulen sind Vorbild. Dänemark ist das Mekka der Berufsbildungsreformer aller Schattierungen. An Dänemark kommt keiner vorbei. Dänemarks berufliche Schulen sind kompetent, kooperativ, weltoffen und gastlich. Und sie sind vor allem eins: Selbständige Dienstleistungsunternehmen. Ein Bericht von einem Besuch.

Vom Klassenzimmer zum Open Learning Center

Kann man sehen, dass es dänischen Berufsschülern besser geht als ihren Berliner Pendants? Die Frage lautet schlicht: Ja, denn: "Das Klassenzimmer hat ausgedient". Das stimmt zwar nicht ganz, denn Seminarräume haben wir natürlich auch in Køge gesehen, und sie ähneln den unsrigen: Stühle, Tische, Platz für 25-30 Menschen, Lehrertisch, Tafel, rechteckig, mit Fenstern und einer Tür. Während wir aber in Berlin überwiegend oder sogar ausschließlich hinter verschlossenen Türen solcher Räume Unterricht halten, stehen die Türen in Dänemark meistens offen. Denn das (Lern-)Leben spielt sich normalerweise nicht hinter der Tür ab, sondern vor ihr: in einem offenen Lernraum. Die von uns besuchte Handelsskole bietet ihren Schülern eine Reihe Lernpavillons mit Foyers in der Mitte. Diese sind mit Lerninseln, Computerarbeitsplätzen, Druckern, Lernmitteln ausgestattet und von Schülergruppen, Einzelpersonen und ihren Betreuern belebt. Soll in Ruhe ein Beratungsgespräch stattfinden, zieht man sich in einen kleinen Besprechungsraum zurück. Will ein Team eine Diskussion führen, die andere stören könnte, macht es die Tür ihres Besprechungsraumes zu. Durch eine der offenen Türen konnten wir den Abteilungsleiter am Schreibtisch sitzen sehen, der uns freundlich zunickte. Auch der Seminarraum stand offen. Er wurde gerade von einer größeren Schülergruppe bevölkert, die etwas zu bespreche hatte. Durch einen Türspalt erspähten wir zwei Schüler, die mit Klebestift und Schere einen Entwurf für eines der gerade in Arbeit befindlichen Projekte montierten. Und natürlich fehlten weder die vielzitierten echten Gemälde an den Wänden noch fehlten Grünpflanzen, Sitzecken, Getränkeautomaten. Unser Eindruck: Gemütlich! Und die Lehrer lehren nicht, sie lassen lernen.

Der offene Lernraum ist in dreierlei Hinsicht offen: Die Türen stehen offen. Jeder kann überall und jederzeit rein oder raus. Die Lernkonzeptionen sind offen: Kein Klingelzeichen, kein Stundentakt. Lektionen in größeren Lerngruppen wechseln sich ab mit Projektarbeit, Einzelberatung und zurückgezogener Stillarbeit. Und die Schule steht offen: Lehrkräfte wie Schüler haben jederzeitigen Zugang, wenn nötig 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche.

Auch die Lehrerrolle ist eine andere. Die Lehrkräfte arbeiten in bildungsgangbezogenen Teams, veranstalten mit den Schülern Lehrgänge, Seminare, Besprechungen und Einzelberatungen, sind also nicht Erziehungspersonen und Stoffvermittler, sondern eher Lernberater und Moderatoren von Lernprozessen. Offene Lernräume dürften bei uns nicht einfach zu machen sein. Es müssten nicht nur Schulen umgebaut werden, man braucht auch doppelt soviel Fläche. Und vor allem ist Voraussetzung: eine teamorientierte Lernkultur und eine Kultur selbstorganisierten Lernens.

Gerade die Berliner Oberstufenzentren haben baulich durchaus etwas von dem, was die dänische Schule so attraktiv macht: Es gibt - oder es gab - Bibliothek und Mediothek, Cafeteria und Mensa, Fachräume und Werkstätten, Räume für allgemeinen Unterricht und "dezentrale Freizeiträume" für Freistunden und Erholung. Vieles ist leider den Sparmaßnahmen und der Verdichtung zum Opfer gefallen, war und ist in der OSZ-Konzeption und ihren Ausstattungsstandards durchaus vorhanden.

OSZ, die sich an die Umsetzung von Lernfeldkonzeptionen machen, erkennen sehr schnell die Grenzen von Unterricht nach Stundentafel und Klingelzeichen. Arbeiten Schüler im Team an fächerübergreifenden Projekten, benötigen sie andere Lernbedingungen als im Lehrgang zur Prüfungsvorbereitung. Lernfeldkonzeptionen erfordern also offene Lernräume. Das OSZ der Zukunft wird daher mehr Vielfalt im Raumangebot und mehr Flexibilität in der Belegung haben müssen.

Vom Handaufhalten zum Haushalt

Das Konzept des selbstständigen Lernens in offenen Lernräumen bildet sich im rechtlichen Überbau ab: In Dänemark gibt es schon seit über 150 Jahren ein Recht auf Schule statt der Schulpflicht. Die Basis des Schulverhältnisses ist also Verabredung statt Zwang. Die Schulen sind keine Anstalten, nicht Teile einer Verwaltung, sondern öffentlich-rechtliche Unternehmen und in der Region als Wissens- und Kompetenzzentren verankert. Sie sind organisatorisch selbstständig, verfügen über einen eigenen Haushalt und eigenes Personal, das angestellt wird und natürlich auch entlassen werden kann.

Dänische Schulen wissen, was Bildung kostet. Sie erhalten Personal- und Sachmittel vom Staat und erbringen dafür Bildungsleistung in einem vereinbarten Umfang und in vereinbarter Qualität. Eine bessere Auslastung der Räume, Einsparungen bei den Betriebskosten oder die Veranstaltung von Weiterbildungskursen kommen der Schule unmittelbar zugute. Und so kommt es, dass dänische Berufsschulen mit viel Phantasie durch Einwerbung von Drittmitteln ihr Angebotsspektrum erweitern und ihre Attraktivität in der Region steigern. Die von uns besuchte Schule hat eine Abteilung für internationale Beziehungen, die ihre Stellen mit EU-Projekten selbst finanziert. Daraus gewonnene Ressourcen werden in die Entwicklung neuer Fortbildungskurse, etwa des "Multimedia-Designers", gesteckt, die gegen Kursgebühren regional vermarktet werden.

Wie gemächlich, behäbig geht es dagegen an OSZ zu: Die Anzahl der einzurichtenden Klassen werden von der Schulaufsicht genauso vorgegeben wie die zu betreuenden Bildungsgänge. Betriebskosten, bauliche Unterhaltung, Personalkosten werden zentral finanziert, die Kostenstruktur ist den Schulen in der Regel unbekannt. Zaghafte Versuche zu mehr Selbstständigkeit zeigen sich etwa bei den Rundfunkgebühren: Seit 2002 werden sie in den Schuletat eingerechnet. Viele Schulen haben daraufhin nicht gebrauchte Geräte abgemeldet. Bemühungen von OSZ, managementbedingte Mehreinnahmen zu erzielen und sie für die Schule zu nutzen, versanden: Ob es um die Organisation von IHK-Prüfungen geht oder um die Vermietung von Parkplätzen, um Einsparungen durch Mülltrennung oder allgemeine Zurückhaltung beim Geldausgeben - weil Anreize fehlen, handeln die Akteure nur gezwungenermaßen oder unterlaufen Weisungen so lange es geht.

Viel Phantasie im Antichambrieren dagegen ist gefordert, wenn es um die von der Zentrale zugewiesenen Investitionsmittel geht: Kriegt die Schule eine neue Druckmaschine, wird der neue Multi-Media-Raum bewilligt, können wir uns in diesem Jahr eine drahtlose Übertragungsanlage leisten? Für alle Extras müssen die Schulleiter die Hand aufhalten und nicht selten glauben sie, durch Wohlverhalten die Nase vorn haben zu können.

Budgetierung der Arbeitszeit

In Dänemark leisten die Berufsschullehrer 1.924 Jahresarbeitsstunden. Alle Tätigkeiten sind unterschiedlich budgetiert: Eine Lektion über 45 Minuten kann je nach Aufwand mehr oder weniger kosten. Im Durchschnitt sind es 119 Minuten. Auf Berliner Verhältnisse übertragen würde bei 26 Stunden Unterricht ein Zeitbudget von 51,56 in der Woche bedeuten. Auf das Jahr gerechnet kämen bei unseren 40 Schulwochen 2063 Arbeitsstunden heraus. Fazit: Allein durch den Unterricht überflügeln wir die Dänen locker!

Doch Vorsicht: Für die Aufsichtsführung bei Klausuren zählt die Zeit nur 1:1 - Wir genehmigen uns dagegen die entsprechende Zahl der 26 Pflichtstunden. Unterrichtsausfall, nicht genutzte Zeitbudgets, z.B. in der Zeit nach den Prüfungen gehen nicht einfach unter, sondern bleiben im Arbeitszeitkonto. Andererseits: Vier KollegInnen im Sportausschuss erhalten für ihre Sitzungen je 10 Stunden. Sie können also fünf Sitzungen á 2 Zeitstunden daraus finanzieren. Die Gesamtkonferenz kostet für 60 Lehrkräfte 60x3 Stunden. Die Durchführung des Sportfestes unter Beteiligung von 25 Lehrkräften kostet 25 x 5 Stunden. 10 KlassenlehrerInnen erhalten für die Durchführung von Elternabenden je 3 Stunden, der Einführungstag kostet pro Klasse für zwei Lehrkräfte 5 Unterrichtsstunden á 119 Minuten.

Die Zeitbudgets sind in einem dicken Katalog niedergelegt, der mit den Gewerkschaften abgestimmt ist. Die Buchführung übernimmt die Verwaltung aufgrund von Stundenzetteln, die die Leitungskräfte abzeichnen. Die Lehrkräfte erhalten monatliche Abrechnungen.

Die Haltung der dänischen KollegInnen: Das System ist kompliziert, der damit verbundene Aufwand äußerst lästig. Andererseits hat niemand das Gefühl, in die außerunterrichtlichen Aufgaben die eigene Freizeit zu investieren. Die Arbeitszeitgerechtigkeit scheint höher zu sein als beim Berliner System der Pflichtstunden und darauf aufbauenden, zentral vorgegebenen Anrechnungs- und Ermäßigungstatbeständen. Und vor allem: Die Dänen halten weniger Unterrichtsstunden und arbeiten allein dadurch entspannter. Obwohl die dänischen Lehrkräfte deutlich weniger verdienen als die deutschen, sind die Bildungskosten daher wesentlich höher als bei uns.

Von Dänemark lernen!?

Veränderung der Unterrichtsarbeit: Die dänische Lernkultur begreift Schule als einen kultivierten Ort, an dem Ästhetik so wichtig und so selbstverständlich ist wie Tafel und Kreide. Die offene Lernatmosphäre kann auf diesem Hintergrund glaubhaft er- und gelebt werden. Hier haben wir viel aufzuholen, aber wir sind dran: Die Berliner OSZ sind bereits mitten im Prozess der Umgestaltung der Lernformen, an deren Ende möglicherweise der "offene Lernraum" als Synonym des selbstgesteuerten, partnerschaftlichen Lernens stehen könnte. Die Lernfelddebatte wird diesen Vorgang beschleunigen.

Veränderung der Schulfinanzierung: Die dänische Schule ist eine wirtschaftlich selbstständige Organisation. Sie verfügt über einen eigenen Haushalt, ein eigenes Controlling, eigenes Personal. Sie lenkt daher ihre Geschicke im wesentlichen selbst. Sie kann Ausgaben eigenverantwortlich tätigen und verhält sich daher wirtschaftlich. Sie kann für ihre Leistungen Einnahmen erzielen und entfaltet daher Kreativität und Phantasie. Volle Verantwortung bedeutet aber - und das ist die andere Seite der Medaille - volles Risiko. Eine dänische Schule kann pleite gehen. Ein dänischer Lehrer kann seinen Arbeitsplatz verlieren, sein Berliner Kollege - noch - nicht. Ist das eine ohne das andere zu haben? Ist ein hohes Maß an Autonomie mit (Arbeitsplatz-) Sicherheit vereinbar oder schließt es sich gegenseitig aus? Ich halte es für lohnend, eine Synthese von Autonomie und Sicherheit, ein ausgewogenes Verhältnis Markt und Staat zu wagen, auch wenn der Zeitgeist in eine andere Richtung weisen sollte. Mit dem "Modellvorhaben eigenverantwortliche Schule" geht Berlin jetzt erste Schritte.

Veränderung der Arbeitszeit der Lehrkräfte: Dänische Lehrkräfte arbeiten - wie alle Arbeitnehmer - regelmäßig 38,5 Stunden in der Woche, bei sechs Wochen Urlaub und Anspruch auf bezahlte Feiertage. Sie brauchen sich vor niemandem für das nachmittägliche Tennisspiel rechtfertigen und sich von keinem als Halbtags-Jobber verspotten lassen. Ihre Arbeitszeit ist zwischen den Sozialpartnern abgestimmt und das Gefühl, Freizeit zu investieren, ist ihnen fremd. Ein solches Arbeitszeitmodell halte ich für reizvoll. Von der Bereitschaft, ähnliche Wege zu gehen, ist die Berliner Lehrerschaft jedoch meilenweit entfernt. Zu viele Stolpersteine und Konflikte lauern in der Debatte. Doch: Wovor haben wir bei 26 Pflichtstunden eigentlich Angst?

OSZ weiterentwickeln

Die Oberstufenzentren als schulische Großform haben zweifellos die Kraft, sich zu selbstständigen Kompetenzzentren weiterzuentwickeln. Die Konzentration der Standorte zu regionalen Bildungszentren, wie sie Dänemark besitzt, ist in Berlin bereits vor 25 Jahren erfolgt. Die dadurch vollzogene Fokussierung von Wissen und Ressourcen muss ergänzt werden durch Budgetverantwortung und Loslassen von Seiten der Schulaufsicht. Die Oberstufenzentren könnten auf diese Weise weitere 25 Jahre ihre bedeutende Rolle in der Bildungslandschaft in öffentlicher Verantwortung wahren.

s.a. BLZ 9/2003