SOL

Selbstorganisiertes Lernen

Was ist Selbstorganisiertes Lernen (SOL)?

 

Das Konzept SOL ermöglicht es, zentrale Anforderungen an eine Veränderung des Unterrichts in Bezug auf eine neue Lernkultur in der bestehenden Schule zu realisieren. Es arbeitet mit Methoden, die Form des Unterrichts verändern, es ist aber deshalb mehr als eine Methode, weil es den ganzen Lernprozess einbezieht: die Lerninhalte, die Organisationsform des Unterrichts und die Lernformen, die Rollen der Lernenden und Lehrenden sowie die Leistungsbewertung. Es geht nicht um die einzelne Unterrichtssituation, die methodisch in Richtung Schüleraktivität aufgelockert werden soll ( aber insgesamt nach wie vor lehrergesteuert bleibt), sondern um eine qualitative Veränderung des ganzen Unterrichtsgeschehens - langfristig kann sich dadurch auch die Institution Schule verändern. Der Prozessgedanke steht in allen Bereichen im Vordergrund, d.h. es ist jeweils eine schrittweise, aber auch zunehmende Öffnung und Veränderung intendiert.

Die Ausgangsfrage in diesem Konzept lautet: Wie komme ich vom lehrerzentrierten zum lehrerunabhängigen Lernen?

Alle in der Schule Tätigen wissen, dass Loslassen allein zunächst wenig mehr als Chaos erzeugt, was mit den Aufgaben von und den Erwartungen an Schule sowie mit ihrer Tradition und ihrem Selbstverständnis wenig zu tun hat. Deshalb werden im Konzept SOL klare Strukturen und Abläufe vorgegeben. Erst mit zunehmender Erfahrung und Routine (von Schülern und Lehrern) kann  man in Bezug auf inhaltliche und zeitliche Anforderungen bei der Anwendung dieses Konzepts von Selbstorganisation sprechen. Gleichwohl stehen die Lerner als Akteure des Lernprozesses von Anfang an im Mittelpunkt, der Individualisierung des Lernens wird mehr Raum gegeben, es werden nicht nur kognitive, sondern auch kommunikative und soziale Anforderungen gestellt sowie personale und methodische Kompetenzen ausgebildet.

Zu den einzelnen Bestandteilen des Konzepts:

Die grundsätzliche Zielorientierung gilt nicht nur für die Planung des Unterrichts, sondern auch für den Lernprozess. Deshalb bilden Ziel- oder Lernvereinbarungen eine Grundlage für Beobachtung und Bewertung und bieten sich als Instrument zur Einführung einer neuen Feedbackkultur an. Hier fungieren Lehrer als Berater im Lernprozess, in dem die Schüler nicht nur am Ende einer Sequenz über die Produktbewertung (Klassenarbeit, Referat etc.) Rückmeldung erhalten, sondern auch während des Prozesses in regelmäßigen Abständen. Metakognitive Fähigkeiten wie die zur Reflexion des eigenen Lernprozesses und seiner Ergebnisse werden hier trainiert und schaffen die Basis für Selbstbewertung der Leistungen durch Schüler, die neben der üblichen Fremdbewertung (durch Lehrer) das Spektrum der Leistungsbewertung erweitert.

Der zeitliche Raum hierfür ergibt sich aus der anderen Organisation des Unterrichts, für die drei Elemente von zentraler Bedeutung sind: Advance Organizer, Gruppenpuzzle und Sandwichprinzip.

Ein Advance Organizer (A.O) ist als Lernlandkarte zu verstehen. Er dient dazu, einen Überblick über das ganze Thema zu geben (das später arbeitsteilig in Teilthemen erarbeitet wird), liefert eine „Vorausstruktur“ für das neu zu Lernende und  schafft Klarheit für die Zielorientierung.

Ein A.O. bildet die inhaltliche Planung, die Themenbereiche der Wissensvermittlung in einer SOL- Unterrichtseinheit ab, und zwar in vernetzter, nicht-linearer Form. Die neuen Themen werden – auf das Wesentliche reduziert-  visualisiert und in ihren inhaltlichen Zusammenhängen dargestellt. Dazu wird an bereits Bekanntem aus diesem Wissensbereich angeknüpft, indem solche Themen als Anker ebenfalls abgebildet und ihre Verknüpfung mit dem Neuen  aufgezeigt werden. Die neurobiologische Erkenntnis, dass ein wesentlicher Vorgang beim Lernen in der Herstellung von Verbindungen zwischen Neuem und Unbekanntem besteht, wird hier für die Unterrichtspraxis umgesetzt.

Eine klare Orientierung ist auch für das Gruppenpuzzle ( = Quergruppen) nötig, die Organisationsform für arbeitsteilige Gruppenarbeit in Stamm- und Expertengruppen.

Hier wird die Erkenntnis umgesetzt, dass Lernkompetenzen an Wissen angekoppelt werden müssen: Die inhaltliche Arbeit an Sachthemen, die Erarbeitung von neuem Wissen, die Abgleichung  unterschiedlichen Verstehens, die Überprüfung mit Hilfsmitteln, die Wiedergabe und Vermittlung des neuen Wissens in der Stammgruppe stellen anspruchsvolle Aufgaben für die hier selbstständig arbeitenden Schülergruppen dar.

Wissen, Können, Sachwissen, Prozesskenntnisse, Erkennen der Situationsangemessenheit, selbstverantwortliches Arbeiten - entscheidende Voraussetzungen für Lernen nach der Schule und lehrerunabhängiges Lernen in der Schule  - sie können hier eingeübt werden.

In dieser Phase entstehen die zeitlichen Freiräume, in denen  Lehrer ihre Beraterrolle wahrnehmen können: als Begleiter und Beobachter des Lernprozesses und als Berater bei der Besprechung des Lern- und Leistungsstandes und der Rückmeldung zu Lernvereinbarungen. Auch bietet sich hier die Möglichkeit zur Schulung der eigenen diagnostischen Kompetenzen.

Die Strukturierung des Lernprozesses erfolgt im Konzept SOL auch über das Sandwichprinzip. In dieses muss das Gruppenpuzzle eingebaut werden.

Den Anfang einer SOL-Einheit bildet der A.O., der vom Lehrer (mit seinem Fachwissen) eingeführt und erklärt wird. Der Lehrer präsentiert hier zu Beginn die Struktur des neuen Themas und schafft damit nicht nur Überblick, sondern auch Transparenz. Anders als im fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch, in dem der Lehrer diese Struktur natürlich auch kennt, aber sie zurückhält, bis die von ihm angeleiteten Schüler sie –mehr oder weniger- nachvollzogen haben, fällt hier das Überraschungsmoment der Auflösung am Ende weg. Die Motivation entsteht durch das Interesse, das über die Präsentation geweckt wird, und über das Sich-Ernst-Genommen-Fühlen der Schüler.

Danach werden die Inhalte im Gruppenpuzzle erarbeitet, und zwar im Wechsel von individuellem Arbeiten (Lesen, Zusammenfassen, Nachschlagen, Schreiben etc.) und kollektivem Arbeiten( Austausch, Diskussion, Überarbeitung) in den Gruppen.

Da man nicht davon ausgehen kann, dass nach einem Durchgang alle Schüler alle Informationen vollständig und korrekt aufgenommen und wiedergegeben haben, gibt es weitere Arbeitsphasen, in denen das neu Gelernte überprüft, ergänzt, korrigiert werden kann. Hier bieten sich zur Durchführung verschiedenste Methoden an, z.B. diverse Kartenmethoden. Auch diese Phasen finden weiter in den (Stamm-)Gruppen statt und bieten dadurch Raum, nach je individuellen Bedürfnissen der Gruppenmitglieder zu üben und zu vertiefen.

Am Ende kann aber durchaus auch eine zusammenfassende Darstellung oder ein Gespräch im Plenum stehen.

Die variierenden Übungen über einen längeren Zeitraum mit einem regelmäßigen Wechsel von Input und Wiedergabe sowie individuellem und kollektivem Arbeiten bilden zusammen mit dem A.O. und dem Gruppenpuzzle ein „Sandwich“ - eine SOL- Einheit.

 

Trotz widriger Umstände und schwieriger Bedingungen möchte ich mit dem an Schüler gerichteten Appell eines bekannten Schulbuchverlages Mut zum Erproben machen: „Durchstarten statt Durchhängen!“

 

Marianne Necker-Zeiher (Leiterin des ehemaligen SOL Teams am LISUM Berlin)