Eine Box voller Glück

Unsere Arbeit mit zwei BQL-Klassen im Berlinale-Projekt

Unser OSZ hat am Berlinale-Schulprojekt mit zwei BQL-Klassen teilgenommen, in denen jeweils 18 fortgeschrittene Schüler*innen, die vormals in Willkommensklassen das A2-Niveau in Deutsch erreicht haben, auf B1-Niveau lernen. Diese Schüler*innen kommen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Irak, Libanon, Guinea und Serbien. Sie sind zwischen 16 und 23 Jahre alt.

Wir konnten im Vorfeld zwischen drei Filmen, die auf der Berlinale in der Sparte „Generation“ liefen, auswählen.

 „Adam“, ein eindrucksvoller, aber auch bedrückender Film, der in uns zwar viele Ideen für ein mögliches Projekt weckte, uns aber von der Problematik her ungeeignet erschien: Der taubstumme Adam fragt sich, ob er seine Mutter, die am Korsakow-Syndrom leidet, wie von ihr gewünscht, umbringen soll.

„Fortuna“, ein ebenfalls sehr eindrucksvoller, aber schwerer und mitnehmender Film über die ungewollte Schwangerschaft eines minderjährigen, afrikanischen Flüchtlingsmädchens und ihr Aufenthalt in einem Schweizer Kloster. Dieser Film war nicht zuletzt auch sprachlich aufgrund der Originalsprache Französisch mit englischen Untertiteln für unsere Klassen problematisch.

Bei der Auswahl stellten wir uns verschiedene Fragen: Müssen wir unsere Schüler*innen, die eine Fluchtgeschichte hinter sich haben, schonen? Dürfen wir sie also nicht mit Bildern, die bei ihnen vielleicht Erinnerungen und Flashbacks ihrer Erlebnisse auslösen können, belasten oder kann dies umgekehrt sogar einen positiven Effekt haben? Sind Bilder eines jungen Mannes, der gleich am Anfang des Filmes „Adam“ ausprobiert, wie das Ersticken mithilfe einer Plastiktüte gelingen kann, unerträglich für unsere Schüler? Können wir mit Schüler*innen, die von ihren Elternteilen getrennt sind und die Familie vermissen bzw. sogar aufgrund der Flucht Familienmitglieder verloren haben, diskutieren, ob ein Sohn die eigene Mutter umbringen sollte? Sollen wir unsere Klassen wieder einmal mit „ihrem Thema“, mit Bildern von Flucht, Asyl und Polizeirazzien konfrontieren – wie in „Fortuna“? Wir wissen es nicht. Wir fühlten uns ganz einfach nach beiden Filmen, trotz ihrer kinematografischen Qualität, bedrückt und wollten das unseren Schüler*innen nicht zumuten.

Blieb also nur der dritte Film.

„Güvercin“- ein Film über einen jungen Mann – Yusuf -  in der Türkei, der auf dem Dach des ärmlichen Familienhauses Tauben züchtet, ein empfindsamer Außenseiter, der zum Rebellen wird, als sein Bruder ihn zum Arbeiten zwingen will und von seinen Tauben entfernt. Ein äußerst poetischer Film, der viele Fragen aufwirft und in sehr zarten Bildern zeigt, wie jemand für seine Leidenschaft kämpft. Denn am Ende wird Yusuf, dem alle Tauben außer seiner Lieblingstaube Maverdi gestohlen wurden, seinen Taubenschlag wieder aufbauen und seine Leidenschaft weiterleben. „Güvercin“ - der einzige unter den drei Filmen, der für uns mehr Leichtigkeit und eine positivere Grundstimmung zu transportieren schien.

Was wir jedoch bedauerten, war, dass in diesem Film eine Lebenswelt zu sehen war, die vielen unserer Schüler*innen schon sehr vertraut ist. Unter diesem Gesichtspunkt hätten wir lieber mit „Adam“ gearbeitet, um das Leben „bei uns“ in den Fokus zu rücken: eine alleinerziehende Mutter, die durch Drogenkonsum krank wird, ein 17jähriger, der losgelöst von jeglichen familiären Bindungen die Verantwortung für sich übernehmen muss, seine schwangere Freundin, deren Kind er betreuen wird.

Was wir auch schade fanden, war, dass in diesem Film die deutsche Sprache nicht vorkam und der Film bei der Vorführung auch nicht auf Deutsch eingesprochen wurde. Nur wenige Schüler*innen verstanden die englischen Untertitel (viele unserer Schüler*innen besitzen keine bzw. überwiegend Englischkenntnisse auf A1-Niveau); zwei bis drei konnten die türkischen Dialoge erfassen. Den Anderen blieb der Film nicht unverständlich, weil vieles durch die Bilder klar wurde, jedoch hatten sie im Nachhinein nicht alles verstanden.

Arbeit mit dem Film

Nach verschiedenen Arbeitsschritten, um den Film vor- und nachzubereiten (die Details kann man sich bald unter der Seite https://www.visionkino.de/projekte/berlinale-generation/ anschauen) konnten die Schüler*innen zwischen kreativen Schreibaufgaben und einer künstlerischen Arbeit wählen, fast alle entschieden sich für die gestalterische Arbeit, deren Ziel es war, in einer Box darzustellen, was einen persönlich glücklich macht. Die Idee hierzu kam uns in Anlehnung an die Taubenbox, in der Yusufs Lieblingstaube Maverdi lebt, aber auch in der letzten Einstellung des Films, in der sich die Kamera langsam entfernt. In der finalen Vogelperspektive wirken all die vielen Hausdächer mehr und mehr wie eine Ansammlung bunter Boxen, in denen sich ganz unterschiedliche (glückliche und weniger glückliche) Episoden des Lebens abspielen.

Die Arbeit an der Box

Beide Klassen hatten zwar unterschiedlich viel Zeit für die Gestaltung der Boxen, jedoch arbeiteten die Schüler*innen in beiden Klassen sehr engagiert und mit viel Einfallsreichtum und Kreativität. Die Arbeit erfolgte hauptsächlich im Kunstraum der Schule (danke nochmal an unsere Kollegin Nina Peter für die gute Zusammenarbeit!), Materialien hatten wir besorgt oder standen im Raum zur Verfügung.

Teilweise nahmen die Schüler*innen ihre Boxen sogar mit nach Hause und arbeiteten dort weiter.

In der BQL 71 entstanden ein Fußballfeld, ein Tanzstudio, ein Fotostudio, aber auch einfach viele „Zimmer“, Räume, die die Schüler*innen verloren hatten – „so sah mein Zimmer in Afghanistan aus“- verschachtelte, versteckte Räume, die so etwas wie Geborgenheit ausstrahlten. In denen bei einem Filmfan Filmplakate hingen, bei dem ewigen „Klassen-Casanova“ Bilder von Frauen. Eine Schülerin, die mit viel Akribie und Können zwei Zimmer gestaltete und in viel Kleinarbeit mit Knete Tupfen auf die Bettdecke anbrachte, outete sich als Profi – sie hatte in Bulgarien in diesem Bereich gearbeitet und Geld verdient. 

Auch in der BQL 72 entstanden wunderbare Räume, einige gewährten dem Betrachter/der Betrachterin ganz freizügig den Blick auf ihre in ihnen ausgestellten Schätze, andere waren verschlossener; man musste sich schon bemühen, um einen Blick auf das Innere zu erhaschen, eine Box – in Form eines schönen großen Hauses, dem sein Schöpfer den Titel „Glücklichhaus“ verlieh, war sogar ganz verschlossen. Auf Nachfragen wurde aber gern erzählt, welche Dinge sich darin verbargen. An vielen der Boxen waren Fahnen aus der Heimat angebracht, es gab Bilder von Familien und Freunden, Mobiliar und andere Gegenstände der Inneneinrichtung wurden mit viel Liebe und Freude am Detail gestaltet. Da gab es Fußballplätze und einen Basketballkorb, schicke Autos, eine Braut in einem glitzernden Brautkleid und einen Swimmingpool. Wünsche wurden dargestellt, Erinnerungen wachgerufen.

Manche Schüler*innen erschufen auch Fantasielandschaften; einige der Boxen enthielten Dinge, die zeitlos sind und überall glücklich machen: die Farben des Sonnenuntergangs am Meer, dargestellt in den Farben von Federn, Sprüche und Weisheiten von Liebe, Glück und Freundschaft; der Film „Titanic“ als Beispiel für eine starke Liebe in schweren Zeiten, sowie Make-Up, Schokolade, Musik und Kerzen um an dunklen Tagen ein warmes Licht anzuzünden. Und die Friedenstaube war präsent – in einer der Boxen hatte sie sogar zusammen mit einem Partner ein kuscheliges Nest gebaut: Viele der Boxen enthielten ein Plädoyer für den Frieden, einen Aufruf gegen den Krieg.

In beiden Klassen präsentierten die Schüler*innen ihre Boxen in kurzen Einzelpräsentationen.

Abschlusspräsentation: offener Gallery-Walk

Zum Abschluss des Projekts kam es dann zur großen „BQlinale“: Beide Klassen stellten nun gemeinsam ihre Boxen aus, Kolleg*innen, Bildungsgangbegleiter und Sozialpädagogin wurden eingeladen. Neben jeder Box lag ein Zettel, auf dem der Betrachter/die Betrachterin der Box einen eigenen Titel geben konnte. Darüber kamen Betrachter und Schöpfer miteinander ins Gespräch; es wurde „präsentiert“ oder besser „sich offen zum Thema ausgetauscht“, denn statt ein Monolog zu sein, geriet dieser Gallery Walk zu einem Dialog. An den Wänden hingen die Texte und die Akrosticha der Schüler*innen aus und falls jemand mal eine Pause brauchte, gab es die Gelegenheit Origami-Tauben zu falten.

Schüler*innen und Lehrer*innen hat diese Form des offenen Gallery Walk sehr gefallen; es entstand ein Raum für Begegnung, offenen Austausch und viel Freude. Die Arbeiten der Schüler*innen konnten so auch in einem größeren Rahmen entsprechend gewürdigt und wertgeschätzt werden.

Fazit

Uns hat die Arbeit mit den Schüler*innen großen Spaß gemacht, denn das Projekt gab uns die Möglichkeit, sie in einem kreativeren Rahmen in einer anderen Perspektive zu entdecken.

Auch unsere Team-Arbeit zu zweit war ein sehr anregender und inspirierender Prozess, in dem immer wieder neue Ideen aufkamen.

 

Rebecca Nagel (Klassenlehrerin BQL 72)

Katrin Schielke (Deutschlehrerin BQL 71)